Fachgebiet Architekturtheorie, IfA (Institut für Architektur),
Technische Universität Berlin

Architektur und soziale Medien
in Netzwerkgesellschaften

Internationale wissenschaftliche Tagung, Exposé

 

Die sozialen Medien sind aus heutigen Gesellschaften nicht mehr wegzudenken.Ohne permanente Online-Kommunikation scheint die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben immer weniger zu gelingen. Digital, global und permanent sind wir vernetzt. Dennoch zeigen Flashmob, Facebook-Parties und Occupy-Bewegung, dass die sozialen Medien ihre größte Wirkung in der individuellen, leiblich-affektiven Erfahrung und sozialen Interaktion am konkreten Ort erzielen. Wie keine andere neue Technik greifen die sozialen Medien in die Rituale des Alltags ein und treten dabei in Konkurrenz mit derjenigen Kulturtechnik, deren Aufgabe es von alters her ist, die räumlichen Voraussetzungen für die menschlichen Sozialisierungsprozesse zu schaffen: Die Architektur.

Ohne Zweifel kommen mit den sozialen Medien neue Sozialisierungsmodelle auf, die unsere Vorstellung von Raum und Zeit, aber auch vom Öffentlichen und Privaten und vom Eigenen und Fremden verändern. Über Fachgebiet Architekturtheorie, IfA (Institut für Architektur), Technische Universität Berlin Architektur und soziale Medien in Netzwerkgesellschaften Internationale wissenschaftliche Tagung, Exposé Airbnb, couch surfing oder car sharing verändern die sozialen Medien die materiellen und räumlichen Bindungen. Diese werden temporärer und flüchtiger und führen zu neuen Formen der Vergemeinschaftung, zu neuen Formen des Sozialismus. Die Frage stellt sich nach dem Verhältnis der Architektur zu den sozialen Medien, d. h. der alten, analogen zur neuen, digitalen Kulturtechnik. Hemmen sie sich in ihrer Wirkung oder verstärken sie sich?

«Ende der Architektur» …
Tatsache ist, dass am Anfang der modernen Konzeption der Architektur jene weitreichende Erkenntnis Leon Battista Albertis (1404–1472) steht, dass der eigentliche Zweck der Architektur jener ist, «die Menschen zu vereinigen und zusammenzuführen». Alberti stellte die soziale Funktion der Architektur über die Schutzfunktion! Denn nicht Schutz vor der Unbill der Natur, so der Gemeinplatz, sondern die Ermöglichung sozialer Begegnungen stehen am Anfang der Architektur. Seither ist Architektur nicht nur reactio, sondern zugleich actio. Mit Alberti erhielt die Architektur ihre moderne, dialektische Definition: Sie ist die notwendige Voraussetzung für die menschlichen Sozialisierungsprozesse, während sie aufgrund des komplexen Bauprozesses selbst Resultat höchster sozialer Organisation ist.

Wenn heute die sozialen Medien der Architektur ihre Sozialisierungsfunktion streitig machen, dann wäre das ein tiefer Einschnitt in ihre moderne Konzeption. Mit dem Verlust der sozialen Funktion würde Architektur nur noch Kulisse sein, sie wäre mithin nur Schein. Im Sinne Albertis dialektischer Definition hörte sie auf Architektur zu sein. Anzeichen dafür lassen sich vielerorts finden. Medienfassaden, überdimensionale Bildschirme und Spiegelfassaden machen Architektur zur bildhaft mimetischen Doppelung ihrer realen oder medialen Umgebung. Wie das Gebäude des Berner Stadtarchivs, dessen großflächige Spiegelfassade nach der Medienästhetik der touch screens und iPads modelliert zu sein scheint, oder wie Jun Aokis Gebäude für Louis Vuitton in Roppongi oder Rudy Ricciottis Museum MuCEM in Marseille. Bedeutet das Zeitalter der Network Society das Ende der Architektur – zumindest in ihrer modernen Definition? Zweifel scheinen berechtigt. Manche sehen mehr als nur eine Verschiebung im Wertesystem der Architektur. Sie wollen einen historischen Einschnitt erkennen.

oder «Ausblick auf eine Architektur»?
Aber können wir nicht auch das Gegenteil beobachten, dass die frei flottierende Kommunikation in den sozialen Medien umso mehr auf die Architektur angewiesen ist, je ungebundener sie im globalen Netz agiert? Beobachten wir nicht gerade eine Wiederentdeckung städtischer Orte als Katalysatoren für soziale Ereignisse? Konkrete Beispiele dafür sind das guerilla gardening in den Großstädten wie Berlin oder New York oder Jürgen Mayer H.s Metropol Parasol, das in seiner extravaganten digitalen Form die Kraft hat, die vernachlässigte Altstadt von Sevilla wieder zum Zentrum des öffentlichen Lebens zu machen. Plätze wie der Taksim-Platz in Istanbul, der Tahrir Platz in Kairo oder Stuttgart 21 stehen synonym für die Verknüpfung und gegenseitige Intensivierung architektonischer und medialer Sozialisierungsformen.

Ebenso scheinen die Rückkehr des Sensualismus in die Architektur und die Allgegenwart von Themen wie Atmosphäre, Raum, Leibempfinden, Aura, Einfühlung Indiz dafür zu sein. Tatsächlich entwickelte sich Anfang der neunziger Jahre schon die Sensibilität für Material und Atmosphäre aus der Reaktion auf die Virtualisierung des Raumes durch die neuen Medientechnologien. Stehen wir heute vor einer neuerlichen kommunikativen und räumlich-materiellen Neukonzeptualisierung der Architektur im Spannungsfeld zwischen dem digitalen, virtuellen Raum der sozialen Medien und dem konkreten, atmosphärischen, gefühlten Raum von Architektur und Stadt?

Die internationale Tagung «Architektur und soziale Medien in Netzwerkgesellschaften» will die Frage nach dem wechselseitigen Verhältnis zwischen den sozialen Medien und der Architektur aufwerfen. Sie fragt nach den verschiedenen Weisen der Kommunikation, nach den Affinitäten und Differenzen in semiotischer, psychologischer, synergetischer, gestalttheoretischer und phänomenologischer Hinsicht. Wissenschaftler der Fachgebiete Architektur, Kommunikationswissen-schaft, Design und Media Design sind eingeladen. Die Referenten kommen aus der Russischen Föderation, Italien, Belgien und Deutschland. Die Tagung wurde von Prof. Dr.-Ing. Jörg H. Gleiter und Dr.-Ing. Tom Steinert vom Fachgebiet Architekturtheorie konzipiert. Sie findet vom 28. bis zum 29. Oktober 2013 am Institut für Architektur der Technischen Universität Berlin statt. Partner der Tagung ist Prof. Irina Kuzheleva - Sagan (Social Communication) von der Tomsk State University (Russland) und Prof. Roland Posner (Arbeitskreis Semiotik, Technische Universität Berlin).

Es wird keine Tagungsgebühr erhoben. Die Konferenzsprache ist Englisch, Deutsch und Russisch. Die Referate werden im Anschluss an die Tagung in der internationalen Online-Zeitschrift «Wolkenkuckucksheim» veröffentlicht.


Berlin, 24. Juni 2013,
Jörg H. Gleiter, Tom Steinert

tu

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